Bilder deuten

Ich lese zur Zeit „Karlsson vom Dach“ von Astrid Lindgren. Vielleicht kennt ihr ja die Geschichte um den kleinen Jungen Lillebror und dessen Freund Karlsson, den kleinen Mann mit dem Propeller auf dem Rücken. Und da bin ich über eine kleine, aber feine Passage gestolpert:

Lillebror ging hin, um sich anzusehen, was Karlsson gemalt hatte.

«Porträt von meinen Kaninchen» stand ganz unten zu lesen. Aber zu sehen war nur ein kleines rotes Tier, das eher wie ein Fuchs aussah.

„Ist das nicht ein Fuchs?“, fragte Lillebror.

Karlsson schwebte herab und stellte sich neben ihn. Er legte den Kopf schief und betrachtete sein Bild.

„Ja, natürlich ist das ein Fuchs. Es ist zweifellos ein Fuchs, vom besten Fuchsmaler der Welt gemalt.“

„Ja, aber“, sagte Lillebror, „Porträt von meinen Kaninchen – wo sind denn die Kaninchen?“

„Die sind im Fuchs drin“, sagte Karlsson. (Lindgren: Karlsson vom Dach, Oetinger, 191)

 

Ich werde immer wieder mit der Vorstellung konfrontiert, dass man beim kunsttherapeutischen Arbeiten ein Bild malt und dann von der „allwissenden“ Kunsttherapeutin oder dem Kunsttherapeuten erklärt bekommt, was dieses Bild bedeutet. Die Abneigung gegen diese Vorstellung steht meinem Gesprächsgegenüber dann meistens schon deutlich ins Gesicht geschrieben. Zurecht! Mir ist es ein echtes Anliegen, zu betonen, dass artCounseling so nicht funktioniert!

 

Das Bild ist ein wichtiger Bestandteil, denn „kunsttherapeutisch angelegtes Arbeiten hilft beim Finden alternativer Lösungen für Probleme unterschiedlicher Art. Beim Gestalten verschmelzen wir mit unseren Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen. Wir brauchen (erst mal) nicht darüber nachzudenken, sondern überlassen unseren Händen die Ausgestaltung der Themen. Oft zeigen sich dabei unbewusste Lösungen, die manchmal allein durch solche Gestaltung ins Bewusstsein kommen, also im wirklichen Sinne augenscheinlich werden.“ (Lumma, Michels, Lumma: Quellen der Gestaltungskraft, 2013, 14) Und wir können das Bild benutzen, um wortwörtlichen Abstand von unserem Thema zu bekommen. Der Malende schaut mit dem Counselor zusammen auf das Bild, bzw. das Thema. Ein neuer Blick wird möglich und führt zu neuen Erkenntnissen. Die Deutungshoheit bei diesem Vorgehen liegt aber immer bei der- oder demjenigen, der das Bild gemalt hat! Der Maler interpretiert sein Bild! Denn nur er kennt alle seine Gefühle, Hintergründe und Zusammenhänge! Der begleitende Counselor kann ein Bild nur auf der Basis seiner eigenen Geschichte interpretieren. Diese Interpretation gilt es deshalb sogar zu vermeiden. Der kleine Ausschnitt aus Astrid Lindgrens „Karlsson vom Dach“ zeigt sehr eindrücklich, wie unterschiedlich die Interpretation eines Bildes sein kann und dass nur der Maler die wirkliche Aussage kennt! Ich würde mich deshalb freuen, wenn sich jeder, egal ob Kindern oder Erwachsenen gegenüber, mit Interpretationen von Bildern zurückhält und besser einfach mal nachfrägt, was denn da dargestellt ist.

 

Im Zentrum von kreativem Coaching, artCounseling und Kunsttherapie steht der Mensch, der sich durch Malen und Gestalten mit seinen ganz eigenen Themen beschäftigt. Die Reflexion dieses kreativen Prozesses ist dabei ein wichtiger Schritt, denn über ihn können wir uns besser kennenlernen. Wir können uns bewusst machen, was uns hindert oder förderlich für uns ist, was uns stresst oder eine zu große Herausforderung für uns ist, aber auch, wo wir Stärken und Begabungen haben, was wir brauchen, um ein selbstbestimmtes, authentisches Leben zu leben. Das alles kann der Maler in seinem Bild finden, wenn man ihn lässt!

 

In diesem Sinne für heute viele Grüße,

Silke